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Neues aus dem Rathaus und von OB Dehmer

Vor 100 Jahren: Der Ödenturm brennt

Postkarte des ausgebrannten Ödenturms, Quelle: Stadtarchiv Geislingen (StAG S120, Nr. 400-1)
Postkarte des ausgebrannten Ödenturms, Quelle: Stadtarchiv Geislingen (StAG S120, Nr. 400-1)

Der Abend des 18. Januar 1921 blieb vielen Geislingern lange Zeit im Gedächtnis. Ein Wintergewitter war aufgezogen und hatte durch Blitzschlag zunächst das elektrische Licht lahmgelegt. Oberhalb der kurzzeitig nur durch Gas beleuchteten Stadt war dann plötzlich jedoch der Ödenturm durch Flammen hell erleuchtet. Ein Blitz hatte in das Dach des Turmes eingeschlagen und den Dachstuhl in Brand gesetzt. Das Feuer breitete sich schnell auf den ganzen hölzernen Innenausbau aus, der schließlich im Inneren des Turmes in sich zusammenbrach. Die zum Ödenturm geeilte Freiwillige Feuerwehr konnte das Bauwerk nicht löschen und nur den umliegenden Wald vor einer Ausbreitung des Brandes schützen. Auch die bereits bestellte Magirus-Motorspritze, die als erstes echtes Feuerwehrauto erst einige Wochen später in Dienst genommen werden konnte, hätte daran nichts geändert. Feuerwehrmänner hielten bis zum nächsten Morgen Brandwache, als klar wurde, dass nur noch die Außenmauern des Turms standen. Die Stadt verlor eines ihrer Wahrzeichen und ein schon damals beliebtes Wander- und Ausflugsziel. Gerade nach der Not des Ersten Weltkriegs und in den wirtschaftlich und politisch unsicheren Anfangsjahren der Weimarer Republik mag für viele Geislinger dieser Verlust eines Stückes ihrer Heimat ein besonders herber Schlag gewesen sein.

Es verwundert daher nicht, dass nur wenige Tage nach dem Unglück erste Planungen zum Wiederaufbau entstanden. Schon am 21. Januar erfolgte auf Anregungen aus der Bürgerschaft zur Einsparung von Steuermitteln ein Spendenaufruf. Auch wenn die Stadt größere Beträge von lokalen Firmen wie der WMF erhielt, so ermöglichten doch erst die Gaben aus der Bevölkerung, die teilweise durch eine Tür-zu-Tür-Sammlung von Schülerinnen generiert wurden, die Wiedererrichtung. Vom hohen Stellenwert des Turms für die Stadt und ihre Bewohner zeugen dabei Spenden, die von ehemaligen Geislingern aus aller Welt eingingen. Über Kontakte in ihre frühere Heimat hatten nicht nur Spender in Düsseldorf oder Köln von der Sammlung erfahren. Aus New York sandten gleich mehrere Familien mit Geislinger Wurzeln größere Beträge, ebenso wie andere, die mittlerweile in Norwegen und Peru lebten. Sie alle trugen zu einem Spendenaufkommen von knapp 20.000 Mark bei.

Schon seit seiner Entstehung als exponiertes Vorwerk der mittelalterlichen Burg Helfenstein waren durch Blitzeinschlägen, die Feuer verursachten oder Bauschäden nach sich zogen immer wieder Reparaturen und neue Innenausbauten notwendig geworden. Im Mittelpunkt stand dabei über Jahrhunderte die Eigenschaft als Beobachtungsturm für die Geislinger Brandwache, die bis 1810 im Falle einer Feuersbrunst vom Ödenturm aus Alarm gab. Im Jahr 1921 stand jedoch der touristische Nutzen des Turmes im Vordergrund. Die neue Treppe erhielt eine geringere Steigung und bequemer dimensionierte Stufen und sollte auf vorhandene Fensteröffnungen Rücksicht nehmen, um eine bessere Aussicht zu ermöglichen. Dem Brandschutz trug man Rechnung, indem man einen Blitzableiter am Dach anbrachte, unter dem als brandhemmender oberer Turmabschluss eine von außen nicht sichtbare Eisenbetondecke eingezogen wurde.

Bereits im September 1921 fanden die von Geislinger Firmen durchgeführten Bauarbeiten ihren Abschluss. Auch wenn auf eine Einweihungsfeier aufgrund der sich zuspitzenden wirtschaftlichen Situation verzichtet wurde, hatte die Bürgerschaft ihr Wahrzeichen – nach damaligen Maßstäben denkmalgerecht rekonstruiert ¬– in nur acht Monaten zurückerhalten. Ab dem 22. September konnte jeder, der in der Polizeiwache oder beim Turmwart Lindenmaier in Weiler gegen ein Pfand von drei Mark einen Schlüssel erhielt, den an Sonntagen bei gutem Wetter generell geöffneten Ödenturm besteigen. Das Wintergewitter vom 18. Januar 1921 und seine Folgen schockierten Geislingen, unterbrachen aber nur für einige Monate die Möglichkeit eines unvergleichlichen Blickes über die Stadt und ihre Umgebung.

Dr. Philipp Lintner, Stadtarchiv Geislingen

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