Stadt Geislingen an der Steige

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Offener Brief der Bürgermeister der Kommunen

Sehr geehrte Damen und Herren des Kreistags des Landkreises Göppingen,

wie sehr viele unserer Bürgerinnen und Bürger waren wir entsetzt, als wir von den Plänen gehört haben, die Helfensteinklinik de facto nach über 100 Jahren zu schließen und mit einem Konzept, an dessen erfolgreicher Umsetzung wir starke Zweifel haben, zu einem „Gesundheitscampus“ umzufunktionieren. Hier wird aus unserer Sicht mit schönen Worten eine deutliche Reduzierung des Angebots der Gesundheitsversorgung vor Ort umschrieben. Denn wenn wir ehrlich sind, kommen hier für die Bevölkerung keine Angebote dazu, denn die ärztliche Versorgung, die über den Gesundheitscampus angepriesen wird, ist im Prinzip ja jetzt schon durch das Ärztehaus in größten Teilen vorhanden.

Abgesehen von den massiven Einschnitten, die das neue Konzept für den Standort Helfensteinklinik bedeutet, ist für die Bevölkerung und uns nicht nachvollziehbar, wie man solch einen Schritt ausgerechnet zu einem Zeitpunkt umsetzen möchte, an dem gerade immer noch eine Pandemie grassiert. Waren wir in den letzten Wochen und Monaten nicht alle froh, dass unser Gesundheitssystem in Deutschland so gut aufgestellt war? Waren wir im Landkreis nicht froh, dass wir nicht – wie in manchen anderen Gegenden in Deutschland – Turnhallen oder andere Einrichtungen zu Notkliniken umrüsten mussten? Gerade beginnen in der Politik die Diskussionen, ob eine dezentrale Krankenhausversorgung (auch in kleineren Häusern) nicht doch besser ist als die jahrelang verfolgte Konzentration auf Großkliniken. Und nun wollen wir diesen Diskussionen das Ergebnis vorwegnehmen?

Eine gute Gesundheitsversorgung muss man sich vielleicht auch etwas kosten lassen. Ebenso wie einen guten ÖPNV oder andere Dinge der Daseinsvorsorge.

Auch wenn es immer wieder vehement abgestritten wird, so entsteht bei der Bevölkerung in und um Geislingen herum eben doch der Eindruck, dass man hier nun die Versorgung in Geislingen opfert um das Großprojekt in Göppingen mit zu finanzieren und für die Zukunft besser aufzustellen. Haben dies die Experten nicht schon damals gewusst, als man der Bevölkerung sagte die Alb-Fils-Kliniken wären „Eine Klinik an zwei Standorten“? Viele der jetzt benannten Gründe, die nun anscheinend zu der Änderung der Strategie zwingen, waren auch schon vor diesen (wenigen) Jahren bekannt gewesen. In einigen Jahren anstehende Abgänge durch Eintritt in das Rentenalter führen auch in anderen Kliniken nicht zur Aufgabe oder Verlagerung der Fachdisziplinen. Auch wenn dies vielleicht etwas schwieriger ist, so ist es doch die Aufgabe der Geschäftsführung hier die Nachfolge rechtzeitig anzugehen und möglicherweise junge Nachwuchskräfte aus den eigenen Reihen entsprechend aufzubauen, wenn von auswärts keine gewonnen werden können. Jetzt wäre auf jeden Fall noch die Zeit dazu. Gerade solche Maßnahmen würden den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort in Geislingen auch zeigen, dass man ernsthaft an der Zukunft der Klinik interessiert ist. Die Lenkung von Patientenströmen nur in einer Einbahnstraße nach Göppingen, wie es aus den Alb-Fils-Kliniken zu hören ist, zeichnet der Belegschaft gegenüber ein anderes Bild.

Aus unserer Sicht kann es nicht sein, dass bereits im November 2020 über die zukünftige Strategieausrichtung der Alb-Fils-Kliniken – und damit der massiven Beschneidung der Helfensteinklinik – beschlossen werden soll, wenn Kreistag und Bevölkerung erst Mitte September davon erfahren haben und die erste öffentliche Informationsveranstaltung am 08.10.2020 geplant ist. Solch ein gravierender Schritt bedarf einer ausführlichen Abwägung und dazu gehört auch die Bevölkerung und allen voran die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitzunehmen und anzuhören.

Viele Frage sind noch offen und konnten bisher auch nicht befriedigend beantwortet werden.

Wenn Ihnen Politik mit Bürgernähe wichtig ist, dann machen Sie sich gemeinsam mit Geschäftsführung, Landrat und Aufsichtsrat auf den Weg die Zukunft einer Klinik mit Herz zu gestalten – an zwei Standorten mit einem Konzept, welches bei der Bevölkerung möglichst breite Zustimmung findet und welches beide Standorte entsprechend stärkt.

Der jetzt eingeschlagene Weg findet, ganz unabhängig von dem Vorschlag selbst, bei der Bevölkerung in und um Geislingen weder Akzeptanz noch Zustimmung. Auch geben wir zu Bedenken, dass die Alb-Fils-Kliniken eine erhebliche Anzahl Patienten aus dem Alb-Donau-Kreis und Ostalbkreis, aber eben auch aus dem östlichen Landkreis Göppingen verlieren würden, da sich diese nachhaltig Richtung Ulm oder auch Heidenheim orientieren würden. Als Kreisräte sind Sie, wo auch immer Sie im Landkreis wohnen, auch diesen Menschen verpflichtet und haben den Auftrag auch in dieser Raumschaft entsprechende Infrastrukturen zu schaffen und zu unterhalten.

Daher fordern wir:

1. Es darf im Herbst 2020 keinen Schnellschuss zur (de facto) Schließung der Helfensteinklinik geben.
2. Die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen haben sich seit der Erstellung der beiden Gutachten mit der Coronapandemie grundlegend verändert. Diese Entwicklung muss abgewartet werden, denn sie bietet für die Helfensteinklinik und die Alb-Fils-Kliniken insgesamt möglicherweise ganz neue Perspektiven.
3. Die Zwischenzeit muss für ein 3. Gutachten genutzt werden, in dem realisitische Perspektiven für die Helfensteinklinik unter den neuen Rahmenbedingungen untersucht und aufgezeigt werden. Ein weiteres Gutachten, bei dem nur untersucht werden würde, ob die beiden ersten Gutachten korrekt erstellt wurden, wäre eine Mogelpackung!
4. Die aufgekommene Diskussion in der Belegschaft an den beiden Standorten zeigt auf, dass das Konzept der „einen Klinik an zwei Standorten“ in der Belegschaft nicht angekommen ist bzw. nicht erfolgreich in beide Richtungen umgesetzt wurde. Hier gibt es offensichtlich großen Nachholbedarf. Während der Ausarbeitung des 3. Gutachtens muss die Zeit genutzt werden, um den Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen dieses Konzept näher zu bringen und die Belegschaft zusammenzuführen.

Wir hoffen und appellieren an Sie, dass Sie die Sorgen der Stadt Geislingen, des oberen Filstals, der ganzen Umlandgemeinden sowie der Beschäftigten der Helfensteinklinik ernst nehmen und nicht voreilig vollendete Tatsachen schaffen.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre (Ober-)Bürgermeister aus

Johannes Raab (Amstetten)
Herbert Juhn (Bad Ditzenbach)
Matthias Heim (Bad Überkingen)
Matthias Nägele (Böhmenkirch)
Karl Weber (Deggingen)
Roland Lang (Drackenstein)
Frank Dehmer (Geislingen/Steige)
Marius Hick (Gingen)
Roland Schweikert (Gruibingen)
Günter Riebort (Hohenstadt)
Bernd Rößner (Kuchen)
Jochen Ogger (Lonsee)
Bernd Schaefer (Mühlhausen)
Marc Kersting (Süßen)
Gebhard Tritschler (Wiesensteig)

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